21.06.2026 Waltershausen, Stadtfest

Es ist Freitag Abend und die Dinge stehen schlecht… Das ist eine Abwandlung eines EAV-Textes, nur für Insider. Ist nicht wichtig. Aber Ort und Zeit stimmen. So sitze ich hier.

Der letzte zurückliegende Auftritt war unser jährliches Stammkonzert in der Heiligenmühle in Erfurt im April. Es war alles wie immer – ausverkaufte Hütte, großartige Stimmung. Veranstalter Jürgen hat auf seine alten Tage (hoffentlich trete ich damit nicht auf Schlipse) angefangen Bass zu lernen. Und er hat sich gewünscht, bei uns bei zwei Liedern mitzuspielen. Das macht er dann auch. Bei TNT und Whole Lotta Rosie. Und er schlägt sich erstaunlich gut für einen Bassschüler am Anfang. Der F freut sich, weil er uns dann gleich mal aus dem Publikum hören kann, und nachjustieren am Sound.

Soweit alles schön. Nur hat Steffen an diesem Abend wirklich massivste Probleme mit seinen krankheitsbedingten Einschränkungen. Sehr vieles von seinem Spiel ist eigentlich nicht mehr vorzeigbar und er quält sich sichtlich. In der Erfurter Mühle mag das immer noch gehen, weil die Leute uns kennen, sie wissen um Steffens Krankheit, und ich mache auch nochmal eine Ansage dazu.

Aber jetzt kommt Waltershausen, Stadtfest, große Bühne auf dem Markt. Die Agentur die uns dort vermittelt macht nur etwa alle drei Jahre mal ein Konzert mit uns und kennt den aktuellen Status von Steffen nicht. Der Promoter geht davon aus, dass er das von uns bekommt, was er seit 20 Jahren kennt. Und so hat er es der Stadt verkauft.

Das heißt – wir haben Angst. Die Generalprobe am Mittwoch hat auch keinen Mut gemacht, im Gegenteil. Steffen quält sich selbst, sucht nach Alternativen auf dem Griffbrett, die einfacher zu Greifen gehen, aber es wird einfach nicht abrufbar gut.

Ich weiß nicht ob ich hier vermitteln kann, wie das für uns ist. Und ich bin mir unsicher, wann es zu persönlich wird für Steffen. Die Gebrüder Schöne reden nicht sehr viel. Jedenfalls nicht über sowas. Wir haben so viele Jahrzehnte zusammen Musik gemacht – schon vor Crayfish. Wir haben das Auftreten der ersten Symptome miterlebt. Das war damals der Auftritt in Kronach. Haben Steffens Leidensweg verfolgt mit immer neuen Spezialmedizinerbesuchen und immer neuen Diagnosen – bis zur richtigen. Dann die Aussage, dass sich das problemlos medikamentös derart verlangsamen lässt, dass er sich bis zur Rente keine Sorgen machen muss. Aber das stimmt nicht.

Wir stehen daneben und sehen mit an, wie ein Freund und Mitmusiker schleichend immer stärker eingeschränkt wird in seinen Bewegungen und seiner Koordination. Und niemand auf der Welt kann etwas dagegen tun. Das ist eine so schreckliche Krankheit. Und sie ist so furchtbar verbreitet.

Allerdings ist sie im Unterschied zu anderen schrecklichen Krankheiten nicht tödlich, und man kann entsprechend der Aussage der Ärzte tatsächlich sehr lange eine hohe Lebensqualität wahren. Aber Steffens Leidenschaft ist Gitarre spielen. Und er und Jochen haben die Band gegründet. Und Gitarre spielen auf dem Niveau von AC/DC-Noten geht eigentlich schon jetzt nicht mehr.

Im Freundeskreis habe ich zwei weitere Parkinson-Erkrankungen. Und da habe ich gelernt, dass es zum Krankheitsbild gehört, dass der Mensch selbst die Verschlechterungen immer weiter verdrängt und nicht bemerken will. Das Gehirn baut Umleitungen um fortschreitende motorische Einschränkungen vor sich selbst zu entschuldigen. Selbst bei Patienten in viel späteren Stadien, die z.B. nicht mehr richtig gehen können – was für die Angehörigen offensichtlich ist und für sie selbst sein müsste – wird laufendes Stürzen auf Teppichkanten geschoben und so weiter. Das bedeutet – möglicherweise stehen wir vier auf der Bühne und fühlen uns immer schlechter, und Steffen denkt die ganze Zeit es geht doch.

Aber zum Konzert. In der Vorgeschichte hatte uns der Booker sensibilisiert, dass bei diesen Stadtfestmuggen die Tontechniker meist keinerlei Plan von Rockmusik hätten und nur mit DJs oder Schlager umgehen können. Wir sollten also möglichst einen eigenen Tonmann mitbringen. Versuchen wir. Nun ist das aber ein komplett verrücktes Wochenende. Überall sind Stadtfeste, Badfeste, Sportfeste, und alle gleichzeitig. Unser Lieblings-Hoppel ist schon überbucht mit zwei Muggen gleichzeitig. Und auch alle sämtlichen anderen können nicht.

Der F kontaktiert also den uns vor Ort zugewiesenen Tonmann und bereitet fernmündlich alles bestmöglich vor. Donnerstag vor der Mugge ruft mich nochmal der Booker an um sicherzugehen, dass wir auch kommen. Er fragt ob alles klar ist. Ich sag ihm, dass wir halt aus Personalmangel mit dem Tonmann vor Ort arbeiten müssen. Er sagt „Ach ok, warte mal, wer isn da eingeteilt, hm njam ähm ach pff ja wo ach oh achja, ach hier. Ja, der ist eigentlich ganz ok. Der ist nur manchmal bissel knurrig.“ Ich sag „Das simmer sehr gewöhnt.“ (> Hoppel)

Wir haben einen Jahrhundertsommer, vielleicht den heißesten seit Beginn der Aufzeichnungen. Ich zerbrach mir schon gestern (Freitag) den Kopf wie ich diese unglaubliche Nachmittagshitze mit meiner dicken fetten Lederhose kreislaufmäßig überstehen soll. Der F gestattet mir nicht, meine mir üblichen Baumwoll-Bundeswehrhosen auf der Bühne zu tragen. Die ich immer zur Arbeit anziehe. Und zur Gartenarbeit. Und zum Bauen. Und Abends. Und morgens. Ok die sind auch alle ganz schön abgeranzt. Irgendwo hab ich auch noch eine Jeans, aber ich habe keine Ahnung wo. In irgendeinem Umzugskarton.

Nun will ich das heute – Sonnabend – vormittag noch lösen. Aber erstmal sind grad überall Veranstaltungen und ich hab das Bereitschaftstelefon für Getränkenachlieferungen, welches mich dauernd abhält (Jägermeister alle, Fassbrause-Anlage geht nicht). Und dann entdecke ich in einem Terrarium ein wild geschlüpftes Geckobaby, welches ich schnellstens vor den Rachen seiner Eltern retten muss. Die fressen alles was sich bewegt und klein genug ist, um es zu überwältigen. Egal ob eigen Fleisch und Blut. Also schnell das Tierchen einfangen und die Baby-Aufzuchtstation wieder hochfahren, was nicht eingeplant war. Das braucht sehr viel Zeit.

Es bleibt mir absolut nur noch, wie immer die Lederhose zu schnappen und damit loszufahren. Der F wäre diesmal sogar bereit, mir eine kurze Hose zu gestatten, wenn es eine ordentliche ist. Schaffen wir aber alles nicht mehr.

Langweile ich euch mit den ganzen Klamotten? Mich ja. Aber seid ihr mal im Hochsommer in eine dicke Lederhose gestiegen? Ja? Ihr seid noch drin, nehme ich an? Raus kommste nich mehr ohne Hilfe. Und Blechschere.

Wir diskutieren dann das Hosenproblem noch auf der Hinfahrt im Auto. Der F Fragt – „Du hast also aussschließlich abgewetzte Arbeitshosen – und diese Lederhose?“ „Ja.“

Robin schlägt vor, dass die zwei meinen Gagenanteil diesmal einbehalten und mir eine Hose kaufen.

Zurück zum Start. Robin schlug zur Probe vor, mit Volvo zu fahren. Klar gerne. Den beladen wir dann auch, und es passt alles GERADE so rein. Als wir noch am Anfang sind, kommt eine Nachricht von Steffen und Jochen rein, dass ihr Auto voll wäre und sie deshalb gleich durchfahren. Also MUSS es bei uns passen. Für den F hinten rechts ist es etwas eng. Robin singt – it’s hot in the city, hot in the city tonight.

Die beiden Kollegen öffnen diesmal das erste Bier tatsächlich erst nach der dritten Brücke auf Höhe Bahnhof Stadtroda. Wie wir so fahren, fällt den beiden ein, dass man ja auch hätte mit Robins Auto fahren können, denn da ist eine Klimaanlage drin. Tja.

Wir düsen über die Autobahn. Rakete fliegt gut. Eine Stunde bis Waltershausen. Ich meine so – eigentlich müssten wir ja irgendwo die Schönes passieren, die ja lediglich eine halbe Stunde Vorsprung hatten. Und tatsächlich, nach etwa zwei Dritteln der Strecke ziehen wir an Jochens Auto vorbei. Wir winken wie blöde, aber Jochen starrt nur stur gerade nach vorn auf die Fahrbahn und Steffen sucht irgendwas im Fußraum oder manikürt sich die Fußnägel. Oder wie das dann heißt. Pettiküre. Konfitüre. Notfalltüre.

Ankunft Waltershausen. 16:15 Uhr. Die Frisur hält. Das Navi schickt uns auf ganz korrektem Weg durch kleine niedliche Gassen bis zur heutzutage üblichen Terroristen- oder Amokistensperre vorm Marktplatz. Also so eine Art hochklappbare Panzersperre. Die sehr freundliche Security meint, 17:00 Uhr kommt einer vom Ordnungsamt und schließt uns das Ding auf. Das ist schlecht, weil wir 16:30 zum Soundcheck müssen. Wir kratzen uns etwas am Kinn. Ich beäuge mir die Sperre und die Betonböller und äußere: Also ich glaub ja ich pass da durch mitm Volvo. Der Security-Mann sagt – ehrlich gesagt, ja wahrscheinlich. So machmers dann auch und ich fahr durch. Passt gut. Alle lachen und sagen, naja genau so ist das eigentlich NICHT gedacht. Aber gut.

Wir lagern hinter der Bühne unsere Instrumente ab. Währenddessen spielt auf selbiger eine Band „Hotel California“. Also sie spielen das gleichnamige Lied. Eine Frau singt. Klingt recht gut insgesamt und nah am Original. Dann kommt Robin lachend um die Ecke. „Hahaha, da steht gar kein Schlagzeug.“ Ich sehe nach. Da steht überhaupt nichts. Nur eine Frau die singt und ein Mann mit einer Gitarre. Weiter nichts. Merkwürdig.

34°C, Nachmittag, Innenstadt, Marktplatz voller Stein und Beton, und windgeschützt. Hot in the city in a hot summer night. Das ist kein Zuckerschlecken. Was ja ebenfalls nicht so besonders wäre. Wenigstens steht die Bühne so, dass wir die Sonne im Rücken haben.

Wir werden begrüßt von DJ Maik, Mitveranstalter und Moderator. Den kennen wir noch von den legendären Bandstand Abschlussveranstaltungen in Gotha vor 20 Jahren. Siehe weiter vorn im Tagebuch. Oh ich hab grad nachgesehen – damals hab ich leider noch gar kein Tagebuch geschrieben! Da fehlen dann aber leider sehr viele sehr tiefe Eindrücke. Lost in time and space, scheise. Jedenfalls hat der da schon aufgelegt. Und er hat sich überhaupt nicht verändert! Kein bisschen älter geworden. DJ Maik hat ein rosa T-Shirt an, was sehr hilfreich ist, um einen Veranstalter in einer Menschenmenge zu finden. Profi. Dachten wir da noch.

Eine sehr freundliche Frau nimmt uns mit, um uns die „Garderobe“ zu zeigen. Sie siezt mich die ganze Zeit. Wie wird mir denn. Sie steuert auf den Toilettencontainer zu. Wir denken – ah ja klar. Aber kurz vorher biegt sie links ab, schließt eine sehr massive Tür auf und führt uns in den Keller unterm Rathaus. Mit jeder Stufe abwärts steigt das Wohlbefinden. Diese KÜHLE! Und immer tiefer und immer kühler. Es endet in einem allerherrlichsten Kreuzgewölbe, mit je einer langen Tafel für jeweils die beiden letzten Künstlergruppen des Abends – eine wir, eine „Fuchs und Hase“. Und Berge von Getränken sowie die komplette Speisekarte eines italienischen Restaurants, aus der wir frei wählen können. WAS für ein Luxus! Für den dauerhaften Zugang über den Abend wird uns der Schlüssel zum Rathauskeller überreicht, zurückzugeben nach der Mugge an DJ Maik.

Der Tonmann ist ausgesprochen kompetent und überhaupt nicht knurrig. Im Gegenteil. Der ist total knuffig. Während wir zusammen alles vorbereiten und er zum Beispiel gar nicht überrascht ist über meine Kreischestimme erzählt er mir, er habe sich sämtliche von uns verfügbaren Mitschnitte auf YouTube angesehen zur Vorbereitung. Was für eine Vorbereitung der unangenehmen Art! Da ist 95% totaler Scheiß online von irgendwelchen Handys, und dann noch HINTER den Boxen gefilmt, so dass der Ton Klärgrube ist. Ja, hatter sich trotzdem reingewürgt. Ein ganz lieber.

Unser Soundcheckplan wird komplett zerschossen. Laut Plan und Vertrag 16:30 bis 18:30 Aufbau und Soundcheck. Im Publikum kursieren aber Programmflyer auf denen steht, wir fangen bereits 18 Uhr an mit Spielen. So sagt es auch DJ Maik wiederholt durch. Als Hotel California die Bühne räumt und wir unseren Kram aufbauen stellt sich vor der Bühne ein Fanfarenzug (!) auf, der Fanfarenzug des Multicar-Werks (!!). Steffen erzählt mir gleich, dass er hier im Multicar-Werk vor drölfzig Jahren seinen LKW-Führerschein aufm W50 gemacht hat. Jochen hat mir auch schon erzählt, dass sie sich da vorne anner Ecke aufm Markt immer getroffen haben und dann überlegt, wo sie hingehen nachts. Wo hingen die früher überall rum, die Schönes?

Jedenfalls spielt der Fanfarenzug aus Leibeskräften die Posaunen des jüngsten Gerichts gegen die Mauern von Jericho bis es 17:36 ist. Bis dahin war also erstmal entgegen Plan nix mit Soundcheck für uns. Ich gebe mich noch der Hoffnung hin, dass wir es mit Schnellsoundcheck schaffen, den Publikumsflyer einzuhalten – einfach aus Freundlichkeit – entgegen unseres Vertrages. Aber wir sind erst 18:10 fertig.

Selbst der Tonmann meint auf Anfrage – „Nüscht. Bei mir im Plan steht eindeutig 18:30. Und ich muss auch erst nochmal bissel runterkommen.“

Das machen wir dann auch und kommen noch mal runter in den wunderschönen kühlen Keller des Rathauses. Schnellentspannung und Körperkühlung in 20 Minuten. Und Umziehen natürlich. Ich schlüpfe hier noch halbwegs elegant in die Lederhosenritterrüstungssituation. Letzte Verhandlungen wegen der Überhitze.

Ich: „Sandalen darf ich ja ooch nich! Obwohl das gar keiner sieht.“

F: „Neee, deine Füße sind genau auf Augenhöhe vom Publikum.“

Robin: „Nee, die Hobbit-Füße will wirklich keiner sehn!“

So geht’s mir.

7 Minuten vor Auftrittsbeginn fängt Jochen mit mir eine Diskussion über das Kreuzgewölbe an. Er – gotisch!. Ich – nee – romanisch! Keine Lösung. Ich sag ich frag die Fachfrau und schick meiner Architekten und Bauhistorie-Doro ein Foto. Inzwischen müssen wir aber wirklich zur Bühne. Ich sag zu Jochen – ich denke nach dem ersten Lied hab ich die Antwort.

Wir entern die Bühne, ich hab vorsorglich drei Flaschen Bier in der Hand. Die Security siehts und ruft mir nach – „Wasn, der Volvo findet wohl alleene heem?“ (Der alte Volvo hat ihnen gefallen.)

Schräg neben der Bühne betreibt „Bruder Sven“ eine Feldküche. Sein voller Name ist etwas länger. Kennt jemand Terry Pratchet? Dort gibt es den Obergefreiten „Besuch“. Was nur eine Abkürzung ist. Mit vollem Namen heißt der Obergefreite „Besuch die Ungläubigen mit erläuternden Broschüren“.

Bei Bruder Sven ist es ähnlich. Komplett ausgesprochen stellt er sich jedem so vor: „Brudersvenkocht – bis 800 Personen bei 1 Gericht“. Kurz bevor wir anfangen kommt er auf die Bühne, mit einer Art merkwürdigem Spaten, komplett aus Stahl. Er erklärt mir aber, dass das ein Rührwerkzeug seiner Feldküche sei. Und er fragt, ob er am Anfang auf der Bühne damit etwas Luftgitarre spielen dürfe. Nur dass die halt dann nicht aus Luft sei, sondern aus Stahl. Klar darf er. Und das macht er dann auch. Die Security fragt mich mit Gesten, ob sie den Mann entfernen soll. Aber nein, ich winke ab.

Der schnuckelige kleine Marktplatz ist in der Art locker gefüllt, dass überall wo Schatten ist, jemand ist. Es ist aber auch eine starke Hitze. Ich will nicht sagen unbarmherzig, der Sommer kommt ja erst noch. Es sind durchaus viele AC/DC-Shirts unterwegs, und sogar etliche von Crayfish. Die drin stecken kennen wir natürlich alle und haben vorher abgeklatscht.

So fangen wir an und steigern uns langsam rein. Und einigermaßen kommt sogar Reaktion. Der Tonmann macht das RICHTIG gut.

Ich bekomme eine Whatsapp-Nachricht. Lese sie. HaHAAAA. Ich geh rüber zu Jochen, der grad Gitarre spielt, und schreie ihm ins Ohr: ROMAAAAANIIISCH!

Er lacht.

Bruder Sven erscheint am Bühnenrand mit einem Tablett voller 5 wunderschöner, großer, frisch gezapfter Bier. Es ist ein unglaubliches Labsaal, in dieser schwülen Hitze einen Schluck eiskaltes Bier über die geschundenen Stimmbänder rinnen zu lassen. Alles, was wir an Getränken aus dem Rathauskeller mitnahmen, ist schnell körperwarm geworden.

Die Pause naht. Wir sind gebucht für insgesamt zwei Sets je eine Stunde, mit einer halben Stunde Zwischenraum. Wegen der Soundcheck-Hektik und des Zeitmangels haben wir dahinein unsere Pizzen bestellt. Also 19:30 schnell die gespendeten kalten Bierbecher schnappen, von der Bühne runter und in den Keller zur Pizza. Ich hab eine mit Kapern genommen, weil das interessant klang und ich Kapern löffelweise fressen könnte. Die Pizza ist auch superlecker. Jochen sitzt mir gegenüber. Er hat seinen Bierbecher unweit abgestellt. Eigentlich trinkt er ja gar kein Bier. Da das aber sehr schön kalt ist, hat er sich doch sehr gefreut. Irgendwas erzählt er mir und gestikuliert dabei. Und richtig – im Umgang ungewohnt haut er volle Kanne seinen Bierbecher um und ergießt ihn über die ganze Tafel. Erstens hat er nun doch kein sehr schönes kaltes Bier mehr. Zweitens ist es gar nicht so leicht, was zum Aufditschen zu finden. Klappt auch nicht gut. Alles bleibt total verbiert. Drittens hatten wir uns dieses Mal bis jetzt WIRKLICH gut benommen als Band und ein seriöses Bild hinterlassen. Bis jetzt.

Nach der sehr leckeren Pizza wieder ausm Keller nach oben in die Sommerhölle. Ich spreche noch kurz mit dem Tonmann. Und er freut sich über unser sehr aufgeräumtes Klangbild. Das bedeutet, dass die Instrumente in ihrem „natürlichen“ Klang, also das was die Band abliefert wie sie dasteht, sich nicht gegenseitig überschneidet oder stört, sondern so schon transparent klingt. Das ist eins der Geheimnisse von ursprünglicher Rockmusik der AC/DC Art. Vergleiche dagegen zum Beispiel Nu Metal – alle „Instrumente“ machen alle Frequenzen, und die alle in sehr laut und die ganze Zeit.

Das Zweite ,was er mir sagt ist, dass etwas mit der Gitarre auf der rechten Seite nicht stimmt. Manchmal klingt alles ganz richtig. Aber meistens kommt da ganz viel Komisches, versetzt, oder irgendwie ganz falsch. Ich erkläre ihm Steffens Parkinson-Erkrankung. Aaaaah. Ok. Er meint ja ok, nur manchmal kommen dann solche Dinge auf den Tonmann zurück, der ja nun gar nichts dafür kann.

Die zweite Runde beginnt mit Hell‘s Bells. Und die zwischenzeitlich verlorengegangenen Gäste kommen aus ihren Bier-und-Bratwurst-Komfortzonen zurück vor die Bühne.

Unter Vermeidung einer direkten Bezugnahme auf die Band vor uns mache ich eine Ansage in der Art – „Man bekommt ja heutzutage auf den Bühnen der Welt so einiges angeboten. Was uns von vielen unterscheidet – wir benutzen keine KI, keine Backingtracks, keine Trigger, keine Harmonizer. Was ihr hier hört, sind nur wir, so wie wir auch im Proberaum stehen. Und es ist alles echt und live“. Applaus. Dahinein sagt der Tontechniker über Talkback (also hörbar für uns, aber nicht fürs Publikum) „Na dann mach ich jetzt mal den Sampler aus“. Den hab ich natürlich vergessen. Aber da ist ja nur die Glocke drauf und die Kanonen. Und ein paar merkwürdige Geräusche, die nichts mit der Musik zu tun haben.

Wir spielen ganz plangemäß bis 21:00 Uhr und überziehen nur geringfügig mit ein bisschen „Let There Be Rock“. Schließlich wollen noch Herr Fuchs und Frau Elster ran.

Dann schnell die Bühne beräumen. Hier wieder etwas unverständlich das Verhalten von Jochen. Der mehr Jahre Bühnenerfahrung hat als der F oder ich. Aber nix gemerkt dabei. Rennt weg ins Publikum und lässt sich feiern, und sein ganzer Krempel bleibt auf der Bühne stehen. Wir räumen unseren weg und warten mal was passiert. Die Nachfolger bauen schon eine Art große Tischtennisplatte auf. Um Jochens Zeug rum.

Ich steh mit dem F neben der Bühne am Bauzaun und wir blicken entspannt in die Abenddämmerung. Da kommen vier halbwüchsige Jungs auf uns zu, so um die 12 bis 14 Jahre alt. Der Meinungsführer fragt mich: „Darf ich ihnen mal was sagen?“

Bei dieser Vorrede werde ich etwas misstrauisch. „Ist es etwas Gutes oder etwas Schlechtes?“

„Etwas Gutes.“

„Dann ja.“

„Sie sind ein SEHR guter Sänger!“

Ich verschlucke mich.

Und ein anderer schiebt nach: „Und sie sehen SEHR gut aus!“

Jetzt muss ich lachen. Und der F sagt zu ihm „Na jetzt halt aber mal den Ball flach!“

Aber die haben das ernst gemeint! Fragt den F. Der war dabei.

Diese Kinder heutzutage.

Diesmal müssen – dürfen – wir wieder mal sehr viele Fotos mit Gästen machen. Wirklich viele. Ein einziges Rumgepose. Selbst mich schnappen manche einzeln weg und wollen Fotos.

Im Keller begegnen wir dann auch „Fuchs und Hase“. Zwei junge Kerle und eine ebenso junge Frau. Der F fragt – „Ihr legt wohl jetzt auf?“ „Ja“. Assklah. Viel Zeit im Proberaum ham die nich verbracht. Und „Auflegen“ tut da schon lange niemand mehr. Nur die ganz ernsten echten. USB Stick ist angesagt.

Auf der Bühne sehen wir die Künstlerkollegen dann auch noch. Also ich weiß nicht ob ich das verstehen muss. Zwei halbwüchsige mit entsprechenden Plastemasken vor einem großen Tisch voller Technik, die sie niemals brauchen und eventuell auch nicht verstehen, die immer nicken, und Tracks abfahren die eigentlich nur noch aus Beat bestehen. Also wenn da Musik drin vorkommt, dann nur als ganz zart verstecktes Gewürz. Ich hab ja schon sehr viel gehört in dem Bereich – und zugegeben nur wenig verstanden. Marusha und Westbam, die ersten Mayday Partys seit 1991 und solche Sachen fand ich ja sogar noch gut. Ich hab sogar ne Westbam-LP gekauft. Da war Kreatives drin. Aber das hier ist ja nur noch Gehämmer ohne Geist und Seele. Das geht doch nur mit Drogen? Ich verstehe es nicht. Am Ende haben die Leute unter der Hasen- und Fuchs-Maske vielleicht sogar noch nie was von Mayday, Marusha oder Westbam gehört. Unterstellung. Und vielleicht haben die ja nichts davon, was da läuft, selbst angefertigt, mit wie geringem Aufwand auch immer? Unterstellung. Wir haben nicht zusammen gesprochen. Ich hab schon mehrfach versucht mit solchen Leuten zu sprechen, darunter auch ganz liebe und angeblich richtig gute. Aber die haben meine Fragen überhaupt nicht verstanden und ich nicht ihre Antworten. Sicher. Das ist ein ganz anderes Problem. Und mindestens einen der zwei Schuhe muss ich mir anziehen.

Aber warum wird alles immer substanzloser. Warum. Wir waren doch auf einem so guten Weg. Bis fast alle von Motörhead gestorben sind.

Wir müssen noch den Rathausschlüssel zurückgeben. Wir suchen DJ Maik. Eigentlich war vereinbart, dass er sich die ganze Zeit um die Bühne herum aufhält. Isser nich. Überall gesucht nach rosa T-Shirt. Nüscht. Die Security weiß nichtmal wer das ist. Ratlos. Weiter suchen. Wir rennen immer um die Bühne rum und um den ganzen Platz. Halbe Stunde. Irgendwann gabelt ihn Robin irgendwo auf. Der hat uns auch die ganze Zeit gesucht. Wenn gleichzeitig zwei sich suchen, freut sich niemand. Wir reden noch kurz abschließend. Ein bisschen unsicher bin ich mir, ob wir mit reiner AC/DC Musik korrekt platziert waren am Sa Abend in der Mitte des Stadtfestes, angesichts des eher mittleren Publikumszuspruchs. Ich meine da hätte eher Schlager funktioniert. Aber er meint nein nein, das war schon komplett richtig so. Schlager hätte nicht funktioniert. Na dann.

Zum Abschied spendiert uns Bruder Sven noch eine kalte Gurkensuppe. Klingt komisch, ist aber so. Und die ist richtig richtig lecker. Vor allem in a hot summer night. Spanne den Bogen. Rahmen. Zum Anfang. Gemerkt?

Abfahrt.

Nach dem Entladen des Volvo in Tröbnitz lädt sich der F noch zu einem Feierabend-Bier bei mir ein. Wir sind zwar bestürzt über die Hitze, die wir in unserer Wohnung (also Doros und meine, ich wohne NICHT mit dem F zusammen) noch vorfinden. Aber jeder ein kleines frisch gezapftes sehr kaltes Bier vom Hahn, und alles ist wieder gut. Außer Tiernahrung hätt ich fast gesagt, aber das versteht keiner mehr.

Pünktlich 1:30 Uhr Nachtruhe. Eine Mugge, verträglich für alte Leute. Wie ich bald bin.